Michael Römling – Schattenspieler

Vor ca. zwei Wochen ist dieses toll eingepackte Päckchen bei mir ins Haus geflattert. Diese mysteriöse Verpackung weckt natürlich die Neugierde … also ran an den Inhalt …

Berlin (1945): Die deutsche Hauptstadt ist zerbombt und steht kurz vor der Eroberung durch die russische Armee. Dem jüdischen Jungen Leo ist es bisher gelungen als „U-Boot“ in Verstecken zu leben und somit den deutschen „Spürhunden“ nicht in die Hände zu fallen. Doch nachdem sein Freund Wilhelm spurlos verschwunden ist, sieht er sich gezwungen sein Versteck zu verlassen. Auf seiner Flucht als „Schatten“ begegnet er Friedrich und hier entsteht eine wahre Freundschaft, die noch einige Abenteuer erwartet. Auf der Suche nach Wilhelm, führt eine Information zur anderen und als Spurenleser erweisen sie sich mehr als erfolgreich …

„Schattenspieler“ vereinigt eine spannende Story mit vielen geschichtlichen Fakten. Michael Röming gelingt es sehr gut den Leser in die damalige Zeit des Zweiten Weltkriegs eintauchen zu lassen, sodass man die Verzweiflung auf den Strassen und die Angst der „U-Boote“ hautnah spürt. Dabei ist die Beschreibung keinesfalls belehrend, anklagend oder zutiefst rührend. Es ist brutal ehrlich und verschweigt keineswegs, dass deutsche Frauen von der russischen Armee nach dem langen Krieg auch vergewaltigt wurden. Jedoch werden die Russen nicht schlichtweg grausam dargestellt, denn schließlich waren sie es gewesen, die die „U-Boote“ auch befreit haben und oft ihre Landsleute wegen Vergewaltigungen bestraft haben. Das zerstörte und gebrochene Berlin hatte man stets vor Augen:

Schutthaufen und Menschenketten, die sie abtrugen, Ziegelstapel, Trümmerbahnen und das vielstimmige Ping-Pong der Hämmer, die Steine von Mörtel befreiten (S. 268).

Der junge Leo, dessen Inneres übrigens auch dem Leser größtenfalls als ein undurchsichtiger Schatten im Verlauf des Buches bleibt, steht für jeden jüdischen Jungen der damaligen Zeit. Wir erfahren nicht viel von ihm. Wir wissen nicht wie er aussieht. Und doch fühlte ich mit ihm und konnte seine Handlungen sehr gut nachvollziehen. Die Gestaltung eines solchen Charakters ist eine Kunst. Die Parallelgeschichte um die beiden Jungen, mündete auch schon bald in einer gemeinsamen und äußerst spannenden Abenteuergeschichte. Zur Erhaltung des Spannungsbogens, rückte ein verborgener Schatz in den Vordergrund des Geschehens.

Während des Lesens habe ich auf ein Nachwort gehofft, welches die jungen Leser darüber aufklärt, was in diesem Buch Fiktion und was Realität ist. Und auch hier wurde ich nicht enttäuscht. Auf fünf Seiten werden die realen Begebenheiten genau erläutert. Und doch bin ich unschlüssig geblieben, ob während der Luftangriffe die Viktoria auf der Siegessäule tatsächlich schwarz angemalt wurde, um den Angreifern keinen Orientierungspunkt zu geben.

Eine verkohlte Siegesgöttin, die nichts  mehr zu verkünden hatte (S. 258)

Die bildhafte Sprache hat mich ebenfalls begeistern können. Das Buch liest sich stolperfrei und punktet mit einigen tollen Bildnissen wie z.B. bei der Beschreibung des Wahns und der Wirklichkeit in der damaligen Bewölkerung (siehe unten).

Der Ballon steigt immer höher, weil sie immer mehr heiße Luft reinpusten. Und je höher der Ballon steigt, desto stärker spannt er sich, weil die Luft außen immer dünner wird. Und desto lauter wird der Knall, wenn der Ballon platzt. Sie wissen, dass das passieren wird. Und trotzdem pusten sie immer weiter heiße Luft rein (S. 6).

Ein sehr gelungenes Verweben von nüchternen, geschichtlichen Fakten und einer spannenden Abenteuergeschichte.

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Rachel Ward – Numbers: Den Tod im Griff

Das Finale der Trilogie spielt im Jahre 2030 und hat weiterhin Adam und Sarah als Protagonisten. Nach der großen Katastrophe in London ist Adam kein Unbekannter mehr. Auch zwei Jahre danach beherrscht  Chaos die Stadt und Sarah und Adam kämpfen jeden Tag um das Überleben. Im Wald haben sie zunächst eine sichere Bleibe gefunden und Menschen, denen sie vertrauen können, wären da nicht die Drachen auf den Motorrädern. Die Regierung ist Adam auf der Spur und möchte seine Gabe für bestimmte Zwecke nutzen. Als Adam sich weigert zu kooperieren, wird er gezwungen in eine grausame Welt voller Qual, Selbstsucht und Ungerechtigkeit einzutauchen. Das Entkommen scheint unmöglich …

Ich hatte zuvor die Befürchtung, dass die Protagonisten durch die nächste Generation, wie es im zweiten Band der Fall war, ausgetauscht werden würden. Umso erleichterter war ich Sarah und Adam vorzufinden. Im Verlauf des Buches konnte ich jedoch keinen wirklichen Draht mehr zu den beiden finden. Sie wirken zerrüttet, unnahbar und seelisch abgehärtet. Als Leser entfernt man sich immer weiter von ihrer Gefühlswelt und wird zum außenstehenden Beobachter.

Die Geschehnisse im Bunker empfand ich als unnötig brutal, in die Länge gezogen und viele Ereignisse haben sich wiederholt, ohne dass ich daraus einen Nutzen für die Geschichte ziehen konnte. Der Bösewicht wurde gut in die Geschichte eingebaut, sodass die Protagonisten im Vergleich nur wenig glänzen konnten, was schade ist. Auch die Bindung zwischen den beiden schien zu bröckeln und raubte den Zauber des Buches. Lediglich der Umgang mit Saul am Ende des Buches konnte noch einiges an Spannung herausreißen.

Das Integrieren eines Nachwortes bewerte ich als positiv. Hier ist das Ende jedoch so offen geblieben, dass man denken könnte, wenn man es nicht anders wüsste, es würde noch ein Band folgen.

Der Zauber der ersten beiden Bände erlosch langsam. Schade!

 

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Rachel Ward – Numbers: Den Tod vor Augen

Der zweite Band der Trilogie Numbers von Rachel Ward greift die Geschichte von Adam, Jems und Spinnes Sohn, auf und zeigt die Schwierigkeiten eines Teenagers sich in einer neuen Umgebung zurecht zu finden. Er hat die Gabe seines Vaters geerbt, das Todesdatum seiner Mitmenschen zu sehen, sobald er ihnen in die Augen schaut. Dieses Können wurde jedoch mit der Zugabe vererbt, den Todesschmerz am eigenen Leib zu spüren. Diese Tatsache macht ihm zu schaffen und er kann sich nur schwer im Haus seiner Oma und der neuen Schule einleben. Dieses Anderssein quält ihn, bis zu dem Zeitpunkt, als er Sarah kennen lernt, denn sie scheint auch anders zu sein.

Das Buch spielt im Jahr 2028 und zeigt eine komplett veränderte Welt. Den Menschen werden Chips eingesetzt, die es der Regierung ermöglichen jeden Menschen anhand von Drohnen aufzusuchen und seinen Aufenthaltsort genau zu bestimmen. Ein Entkommen ist unmöglich. Die Welt ist zu einem Überwachungssystem geworden.

Adam wird von dem immer wiederkehrendem Todesdatum vom 01012028 geplagt, denn in jedem vierten Bürger Londons sieht er es. Für ihn ist klar, ein grausames Ereignis steht an. Wird er es verhindern können? Wird er die Menschen retten können? Und welche Rolle spielt Sarah dabei?

Die Rezension über den ersten Band ist hier nachzulesen.

Dieser Band schafft es sehr gut eine Verbindung zu den Protagonisten Sarah und Adam zu knüpfen. Die Erzählsicht wird von den beiden abwechselnd gestaltet, sodass man sich sehr gut in ihre Gefühlswelt hineinversetzten kann. Die Erzählvorgänge sind rasant, ein Ereignis jagt das nächste und trotzdem bleibt genug Zeit, um mitzufiebern und die weiteren Geschehnisse vorauszusagen.

Die Idee, diese besondere Gabe mit der Darstellung einer möglichen Zukunft zu kombinieren, finde ich, wie bereits beim ersten Band, sehr gelungen. Das Spektrum wird hier nun um eine weitere Dimension der Gaben erweitert, was dem Band eine besondere Würze und Spannung verleiht und von Rachel Ward sehr gut umgesetzt wurde. Die Probleme der Jugendlichen und der Hauch an Sozialkritik sind gekonnt miteinander vernetzt.

Das Buch ist spannungsgeladen und trotzdem für meinen Geschmack zu vorhersagend. Lediglich das Ende hat mich positiv überrascht und die Erwartung auf das Finale der Trilogie steigen lassen.

Rasant, spannungsgeladen, unterhaltsam

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Ransom Riggs – Die Insel der besonderen Kinder

Seit Jacobs frühester Kindheit erzählt ihm sein Großvater Abe Schauergeschichten, die sich in seiner eigenen Kindheit in einem Waisenhaus ereignet haben. Im Fokus stehen meisten Kinder mit besonderen Fähigkeiten und Monster, die nach ihnen jagen. Von denen besonderen Kindern hat er auch Fotografien vorzuweisen, die  dem Ganzen einen Rahmen geben und die Glaubwürdigkeit der Erzählungen unterstreichen sollen. Von dem was  Jacob als Kind begeistert hat, entfernt und distanziert es sich in seinen Teenagerjahren und glaubt, dass all diese Geschichten lediglich erfundene Märchen seien. Dieser Glaube wird jedoch von einem grausamen Mord an seinem Großvater erschüttert. Unter diesen äußerst merkwürdigen Umständen beginnt Jacob sich zu fragen, was es mit den „peculiar children“ auf sich hatte. Großvaters letzte Worte „Nur die Insel ist sicher“ und weitere verschlüsselte Hinweise bringen ihn schließlich dazu die Insel der besonderen Kinder aufzusuchen …

Als Fan alter Fotos war ich natürlich vom Buchcover von der ersten Sekunde an fasziniert und  begeistert. Es hat etwas Geheimnisvolles, Übernatürliches und Besonderes. Die vielen im Buch eingestreuten alten Aufnahmen sind alle authentisch und wurden aus privaten Archiven von Sammlern geborgt. Die Seiten sind leicht vergilbt und bestechen durch ein braunfarbiges Muster der Vorsatzseiten. Auch die Seitenzahlen sind altmodisch und dekorativ eingefasst. Die Aufmachung des ganzen Buches bringt den Leser in diese besondere Leseatmosphäre und lässt ihn in diese außergewöhnliche Welt eintauchen.

Der sechzehnjährige Jacob ist ein stiller und unauffälliger Charakter. Er hat kaum Freunde und lässt nur wenige Menschen so wirklich an sich heran. Seine Gedanken- und Gefühlswelt bleibt sogar dem Leser größtenteils verborgen, sodass man die Hauptperson schlecht einschätzen kann und eine gewisse Distanz zu ihm aufbaut. Die  anderen Charaktere, wie z.B.  Jacobs Vater, der ihn auf die Insel begleitet oder die unheimliche Miss Peregrine, die Leiterin des Internats, hätten noch besser herausgearbeitet werden können. Man bekommt als Leser einen guten Einblick in die Fähigkeiten und das Aussehen der Kinder, jedoch bleibt ihr Inneres oft undurchsichtig. Die Magie der Insel fängt einen dagegen sofort ein und webt einen Kokon um den Leser. Hier hätte ich als Leser noch länger verweilen können und von all den magischen Momenten der Kinder, die über 60 Jahre ein und denselben Tag aufs Neue erleben, noch mehr erfahren wollen.

Die Idee diese alten unheimlichen Fotografien in die Geschichte einzuweben, verleihen dem Buch so viel an Magie und Anziehungskraft, dass man über den Charakterschliff leicht hinwegsehen kann. Die Spannung wird im Verlauf des Buches immer aufrecht erhalten und der Leser hier und da von Ereignissen und auftretenden Personen und ihrer Funktion überrascht.

Das offene Ende lässt auf eine Fortsetzung hoffen, auf die ich ebenfalls schon sehr gespannt bin. Ich würde mir das nachfolgende Buch auf jeden Fall kaufen.

Ein besonderes Buch, mit einer besonders gelungenen Aufmachung.

Das Buch wurde mir von  Blogg dein Buch und dem PAN-Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!
Weitere Informationen und Rezensionen: hier

Antje Szillat – Alice im Netz

„Alice, alles, was ich über dich weiß, hast du mir selbst verraten. Alles, was du über mich wissen musst, ist, dass ich dich liebe – und dass du mir nicht entkommen kannst … Jared“

Zunächst glaubt Alice an einen Scherz, als sie die E-Mail in ihrem Postfach vorfindet. Doch die Nachrichten, die der geheimnisvolle Jared ihr zukommen lässt, werden immer bedrohlicher und konkreter. Jared scheint einfach alles über sie zu wissen und als Alice endlich begreift, dass sie ihn selbst mit diesen Details über sich versorgt hat, nämlich in den zahlreichen Foren im Internet, befindet sie sich schon inmitten eines lebensbedrohlichen Alptraums.

Das Internet bietet sehr viele Chancen und Möglichkeiten, doch gleichzeitig ist ein bewusstes Nutzen und das Wissen über das Internet sehr wichtig. Ich habe mich vor einem Monat mit einem Hacker unterhalten, der den Untertitel genau so bestätigt hat: Das Internet vergisst nie! Jeder Schritt wird von Google und auch von facebook gespeichert und kann noch nach Monaten wieder verfolgt werden. Alte Fotos, die man längst gelöscht hat, lauern immer noch irgendwo im Archiv und Speicherplatz haben diese beiden Riesen zu Genüge. Diese Erkenntnis und Bewusstmachung war für mich schon sehr erschreckend, umso erfreulicher war ich über die Nachricht dieses Buch lesen zu dürfen.
Der Autor bindet diese Warnung sehr geschickt in diese Geschichte mit ein. Alice hat einen eigenen Blog, auf dem sie die Geschehnisse in der Schule beschreibt und dabei nicht vor Erniedrigungen und Bloßstellungen zurückschreckt. Im world wide web gibt es davon tausende, doch diese naive Weitergabe der Daten kann einem auch zum Verhängnis werden. Dieses Thema ist heutzutage unglaublich wichtig und sollte definitiv in der Schule Anklang finden. Lehrer sollten ihre Schüler auf die Gefahren aufmerksam machen und sie für eine bewusste Nutzung sensibilisieren!

Dieses Buch sollte zur obligatorischen Schullektüre werden!

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Alice im Netz: Das Internet vergisst nie bei amazon.de

Annette John – Deadline 24

Die Menschen leben als Gefangene unter selbst erbauten Kuppelfarmen, die ihnen Schutz vor seltsamen und mörderischen Kreaturen, sogenannten Hybriden, bieten. Diese treiben tagsüber ihr Unwesen und verschlingen alles, was sich ihnen in den Weg stellt. So lebt auch Sally Hayden mit ihrer blinden Mutter, ihrem Großvater und ihrem Bruder Paul auf so einer Farm im Ödland. Doch eines Tages taucht ein Flugobjekt auf, das Paul auf die Welt da draußen neugierig macht und ihn dazu verführt  der Ödnis zu entfliehen. Doch noch ahnt er nicht, dass die Hybriden nicht die einzige Gefahr darstellen, die da draußen lauert. Lediglich die Visionen der Hayden-Frauen, gesandt von dem mysteriösen Windmann durch die verschlüsselte Nachricht „Deadline 24“, können etwas Klarheit in das Durcheinander bringen.

Dieses Cover passt zum Inhalt des Buches wie die Faust aufs Auge. Sally einsam und allein in einer menschenleeren Ödnis, umwebt von einem Bienenwabenmuster, welches einem Gefängnis gleicht. Ein böser Traum der Zukunft ist wahr geworden, die Menschheit ist dabei auszusterben und es geht zurück zu den Wurzeln, gleich dem Motto „Morgen wird wie gestern sein!“ Keine Spur von hochentwickelten Gerätschaften, man besinnt sich auf das Wesentliche und kehrt zurück zur Farmarbeit. Jetzt wo mittlerweile Autos entwickelt wurden, die lediglich durch die Gedankenkraft gesteuert werden, ist diese Vision der Zukunft nun wirklich nicht diejenige, die die meisten von uns sich vorstellen können. Doch genau hier liegt der Reiz des Ganzen. Die Geschichte ist anders und man möchte als Leser natürlich erfahren, was denn nun aus der hochentwickelten Technologie geworden ist. Der Leser wird für die Auflösung ganz schön lange hingehalten und nun ja man braucht dafür viel Fantasie. 🙂

Doch es gibt nicht nur Hybride, sondern andere Wesen wie die Spuckvipern, Orge, Grogonen, Memoranden, Trugnebel und mysteriöse Windmännern, die ihr Unwesen treiben. Annette John gelingt es wunderbar diese surreale Welt zu beschreiben. Der Schreibstil ist nicht sonderlich anspruchsvoll, lässt sich aber  flüssig lesen. Die Protagonistin wird sympathisch, mutig und authentisch dargestellt. Ich hätte mir lediglich gewünscht etwas mehr von Sallys Welt auf der Farm mitzubekommen. Daher blieb die Farm und das Leben auf dem Ödland für mich etwas undurchsichtig und oberflächlich. Es dauerte nicht lange, bis es die ersten Abenteurer an die Tür klopften  und ich muss gestehen, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte und zum Teil bis 1 Uhr nachts weitergelesen habe, obwohl ich am nächsten Tag bereits früh raus musste. Die Geschichte ist spannungsgeladen und fesselt. Von der Auflösung und dem Ende war ich dagegen etwas enttäuscht. Obwohl ich die Botschaft dahinter sehr gut finde und die Einstellung zu den Entwicklungen zum Teil  gut nachvollziehen kann. Das Ende war für mich jedoch  leider sehr „märchenhaft“ und unglaubwürdig.

Ein fesselndes Fantasy-Buch, welches die Zukunft einmal anders schildert und den Leser gut unterhält.


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Nils Mohl – Es war einmal Indianerland

„Ein Gewinner hat einen Plan, ein Verlierer hat immer eine Ausrede.“

„Ich brauche ein Auto, ich brauche Geld, ich brauche Schlaf. Was ich habe, sind eine Mütze, noch fünf Tage Sommerferien, die Bohrmaschine von Edda.“

Für Mohls Roman gilt, was auch schon für seine preisgekrönte Kurzgeschichten galt: Prosa, deren Skurrilität und deren schnelle Schnitte an Filme wie „Short Cuts“ oder „Pulp Fiction“ erinnern. (Hamburger Abendblatt)

Der Protagonist ist 17 Jahre, wohnt in einem Hochhaus am Stadtrand. In seiner Freizeit boxt er.  Die Zukunft sieht für ihn nicht unbedingt rosig aus. Der Vater seines guten Freundes erwürgt seine Lebensgefährtin und wird seitdem von der Polizei verfolgt.  Dann wären da noch Jackie und Edda. In Jackie hat sich der namenlose Erzähler Hals über Kopf verliebt, als er sie zum ersten Mal im Freibad gesehen hat. Sie scheint Gefallen daran zu finden, sodass das Katz-und-Maus-Spiel nun beginnen darf. Dann ist da noch Edda, die nebenher in einer Videothek jobbt. Sie hat ein Auge auf den Protagonisten geworfen und stelt ihm seithe ständig nach. Er weiß jedoch nicht so recht wie er damit umgehen soll. Und dann ist da noch der Indianer mit der Adlerfederkrone, der den Erzähler ständig verfolgt, er ihn aber nie fassen kann. Auf dem Festival kommt das Durcheinander zu einem Höhepunkt und es geht wirklich alles drunter und drüber. Die Krönung ist dann das alles zerstörende Gewitter, welches aber auch einen Neuanfang bedeuten könnte …
Das Leben eines Erwachsenen hat so seine Tücken.

Ich bin ehrlich gesagt kein Fan des Titelblattes, es fängt aber ganz gut die Situation des Erzählers ein. Er ist eingeengt in seiner Hochhaussiedlung, hat nur wenig Perspektive und versucht sich dennoch aus seinen Zwängen zu befreien und das eigene Ich zu finden. So chaotisch wie die Geschichte an sich ist, ist auch ihre Gestaltung. Nils Mohl spult in seiner Erzählung hin und her: Mal befindet man sich als Leser 12 Tage vor den Ferien, dann wieder 10 und dann aber auch 11, oder 9 oder gar 5.  Also wirklich leserfreundlich ist das Ganze nicht, zum Teil wusste ich gar nicht mehr was wirklich vorher geschah oder danach, das raubte mir so manches Mal die Lust weiter zu lesen, denn es ist wirklich anstrengend. Da hat mir auch der Kalender, der der Geschichte vorangestellt ist und die wichtigsten Ereignisse zusammenfasst, nicht weitergeholfen. Das Ganze hat aber auch seinen Reiz und ist innovativ und spiegelt die Situation der Jugendlichen sehr gut wider. Sie befinden sich nämlich in einem Selbstfindungsprozess und da geht es schließlich ja auch wie auf der Achterbahn zu.

Das Buch stimmt nachdenklich, die Geschichte skurril und die Erzählweise „anders“, aber nicht unbedingt schlecht.